Die Gehaltsverhandlung aus Frauensicht: Ursachen für niedrigere Gehaltsforderungen

Die Gehaltsverhandlung aus Frauensicht: Ursachen für niedrigere Gehaltsforderungen

Du verdienst zu wenig – und weißt es eigentlich. Trotzdem sagst du im Gespräch eine Zahl, die sich sicher anfühlt: etwas zu niedrig, etwas zu vorsichtig, mit viel Spielraum nach oben. Vielleicht fehlt dir nicht die Leistung. Vielleicht fehlt dir der Mut, deinen Wert laut auszusprechen.

Dieser Artikel richtet sich an Frauen, die stärker auftreten, mehr Verantwortung übernehmen und fair bezahlt werden möchten. Nicht jede Frau verhandelt aus demselben Grund zurückhaltend. Manche zweifeln an sich, manche wollen nicht als schwierig gelten, manche haben schlicht nie gelernt, ihre Erfolge überzeugend zu präsentieren. Die folgenden drei Personas sind fiktiv, aber ihre Situationen kommen vielen Frauen bekannt vor.

Drei Frauen, drei Ausgangssituationen

Persona 1: Anna – fachlich stark, innerlich unsicher

Anna ist 34 und arbeitet seit sechs Jahren als Projektmanagerin. Sie übernimmt regelmäßig Aufgaben, die über ihre Stellenbeschreibung hinausgehen, rettet kritische Projekte und wird von Kolleginnen und Kollegen als zuverlässig geschätzt. Im Gehaltsgespräch sagt sie trotzdem: „Ich dachte an 58.000 Euro – aber ich bin offen für Ihre Einschätzung.“ Ihre eigentliche Zielvorstellung liegt bei 65.000 Euro.

Die fiktive Coaching-Session

Der Coach bittet Anna, ihre drei wichtigsten Erfolge aufzuschreiben: Was war die Ausgangslage? Was hat sie konkret getan? Welchen messbaren oder sichtbaren Nutzen hatte das Unternehmen davon? Gemeinsam verwandeln sie „Ich habe das Projekt begleitet“ in: „Ich habe das Projekt innerhalb des Zeitplans stabilisiert, die Abstimmung zwischen vier Teams strukturiert und dadurch Verzögerungen reduziert.“

Dann üben beide den entscheidenden Satz: „Auf Basis meiner Verantwortung, meiner Ergebnisse und des Marktvergleichs liegt meine Gehaltsvorstellung bei 65.000 Euro.“ Der Coach gibt Anna einen einfachen Tipp: Nach der Forderung nicht sofort weiterreden. Die Pause ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern ein Teil der Verhandlung.

Persona 2: Leila – selbstbewusst, aber konfliktscheu

Leila ist 41, Teamleiterin in einem technischen Unternehmen und verdient weniger als mehrere Kollegen mit vergleichbarer Verantwortung. Sie kennt ihren Wert. Was sie zurückhält, ist die Sorge, als fordernd oder undankbar wahrgenommen zu werden. Sie möchte weiterhin als kooperativ und angenehm gelten.

Die fiktive Coaching-Session

Im Coaching trennt Leila Freundlichkeit von Nachgiebigkeit. Der Coach erinnert sie daran: Eine klare Gehaltsforderung ist kein persönlicher Angriff. Leila formuliert deshalb nicht „Ich hoffe, das ist möglich“, sondern: „Ich möchte meine Vergütung an meine Führungsverantwortung und meine Ergebnisse anpassen. Ich stelle mir eine Erhöhung auf 78.000 Euro vor.“

Danach trainieren sie Antworten auf typische Reaktionen: „Dafür ist gerade kein Budget da“ oder „Wir müssen erst sehen, wie sich die Rolle entwickelt.“ Leilas neue Antwort lautet: „Welche konkreten Ziele muss ich erreichen, damit wir die Anpassung bis zum vereinbarten Termin umsetzen?“ So bleibt sie konstruktiv, ohne ihre Forderung aufzugeben.

Persona 3: Sophie – nach einer Familienphase zurück im Beruf

Sophie ist 38 und kehrt nach einer längeren Familienphase in ihren Beruf zurück. Sie bringt Erfahrung, Fachwissen und neue organisatorische Fähigkeiten mit, bewertet diese aber selbst als „nicht mehr ganz aktuell“. Bei ihrer Bewerbung nennt sie deshalb eine Gehaltsvorstellung unterhalb des früheren Niveaus.

Die fiktive Coaching-Session

Der Coach hilft Sophie, ihre berufliche Geschichte nicht als Lücke, sondern als Gesamtprofil zu betrachten. Sie sammelt ihre früheren Leistungen, aktualisierte Kenntnisse, Verantwortungsbereiche und Kompetenzen aus der Familienphase – etwa Priorisierung, Krisenmanagement und Entscheidungsfähigkeit. Wichtig ist dabei: Sie muss ihre private Situation nicht rechtfertigen, um eine faire Vergütung zu verlangen.

Gemeinsam üben sie den Einstieg: „Meine Gehaltsvorstellung orientiert sich an der Verantwortung der Position, meiner bisherigen Erfahrung und dem Wert, den ich einbringe. Ich sehe mich bei 62.000 bis 66.000 Euro.“ Sophie lernt außerdem, nicht selbst den ersten Rabatt anzubieten. Erst soll das Unternehmen auf ihre Forderung reagieren.

Warum Frauen oft niedriger fordern

Niedrigere Gehaltsforderungen entstehen nicht aus einer einzigen Ursache. Eine Rolle spielen unter anderem fehlende Vergleichsdaten, Erziehung zu Bescheidenheit, Angst vor Ablehnung, unklare Erfolgsgeschichten und Arbeitsumfelder, in denen Durchsetzungsstärke bei Frauen strenger bewertet wird. Auch eine längere berufliche Unterbrechung oder ein Wechsel in eine neue Rolle kann Zweifel auslösen.

Das bedeutet nicht, dass Frauen grundsätzlich weniger selbstbewusst sind. Viele sind sehr kompetent und leistungsstark – sie machen ihren Wert nur seltener sichtbar oder formulieren ihre Forderung vorsichtiger. Genau hier beginnt Veränderung: bei einer guten Vorbereitung und der Erlaubnis, die eigene Leistung nicht kleinzureden.

Was Coaching für die Gehaltsverhandlung bringt

  • Klarheit: Du definierst Zielgehalt, Mindestgrenze und Verhandlungsspielraum.
  • Beweise statt Bauchgefühl: Du übersetzt deine Leistungen in konkrete Ergebnisse und Argumente.
  • Sprache: Du formulierst eine klare Forderung, ohne dich zu entschuldigen oder abzuwerten.
  • Übung: Du trainierst schwierige Reaktionen in einer geschützten Situation.
  • Haltung: Du lernst, Pausen auszuhalten, Grenzen zu setzen und bei deiner Forderung zu bleiben.
  • Plan B: Du bereitest Alternativen vor, etwa zusätzliche Urlaubstage, Weiterbildung, Bonus, flexible Arbeitszeit oder einen verbindlichen Entwicklungstermin.

Coaching ersetzt keine Marktanalyse und garantiert keine Gehaltserhöhung. Es hilft dir aber, deine Ausgangslage realistisch einzuschätzen, deine Argumentation zu schärfen und im entscheidenden Moment handlungsfähig zu bleiben.

Fiktive Erfolgsmeldungen: Ein Versuch kann etwas verändern

Stell dir drei Kolleginnen vor, die sich gemeinsam vorbereiten. Eine von drei setzt ihre Gehaltserhöhung direkt durch. Eine zweite erhält zunächst keine sofortige Erhöhung, vereinbart aber klare Ziele und einen verbindlichen Gesprächstermin. Die dritte bekommt eine Absage, geht aber mit einer stärkeren Position in die nächste Bewerbung. Das sind fiktive Beispiele – sie zeigen jedoch: Erfolg bedeutet nicht nur ein sofortiges Ja. Erfolg kann auch sein, endlich eine klare Zahl zu nennen, nach Gründen zu fragen und die eigenen Möglichkeiten zu erweitern.

Es beginnt mit dem Versuch

Du musst nicht perfekt verhandeln. Du musst nur anfangen. Recherchiere deinen Marktwert, notiere deine drei stärksten Erfolge und sprich deine Forderung laut aus. Probiere dich aus. Trau dich, Raum einzunehmen und fair bezahlt zu werden.

Du möchtest dich gezielt vorbereiten? Kontaktiere einen Coach für eine Vorbereitungssession. Gemeinsam kannst du deine Argumente strukturieren, deine Gehaltsforderung formulieren und das Gespräch realistisch durchspielen.